Ein Nachmittag am Paddocktor
Eine Einstallerin holt ihr Pferd aus dem Paddock. Am Tor kommt er mit dem E-Zaun in Berührung, erschrickt, springt zur Seite – und rempelt sie dabei richtig an. Ein wirklich unschöner Moment.
Ihr Fazit danach war nicht „Das ist aber dumm gelaufen“, sondern: „Der ist dominant.“
Dieser Satz fällt in Ställen ständig, genauso wie sein Zwilling: „Der testet dich doch nur.“ Beide klingen nach Erklärung. Beide passen hier nicht.
Was aus Sicht des Pferdes passiert ist
Spulen wir die Situation in Zeitlupe zurück. Das Pferd geht entspannt mit seiner Besitzerin aus dem Paddock. Dann kommt ein Schlag aus dem Nichts. Es weiß nicht, woher er kommt. Es weiß nur: Das tut weh, und zwar sofort.
Ein Fluchttier denkt in so einem Moment nicht nach. Es bringt sich in Sicherheit. Steht ein Mensch im Weg, steht eben ein Mensch im Weg. Das kann richtig wehtun – aber es ist keine Entscheidung gegen diesen Menschen. Das Pferd hatte keinen Plan. Es hatte Angst.
Warum „dominant“ nicht passt
Die Dominanztheorie haben wir im Podcast in Folge 129 „Die Pferdigkeit des Pferdes“ ausführlich besprochen. Hier die Kurzfassung.
Rangordnung bei Pferden beeinflusst vor allem, wer zuerst an knappe Ressourcen kommt – Futter, Wasser, der beste Platz. Für die Annahme, dass Pferde uns Menschen in ihre Rangordnung einsortieren, gibt es keinen Beleg (Hartmann et al. 2017). Und selbst in der Herde ist der Ranghöchste nicht automatisch der, der vorangeht: In Versuchen mit kleinen Pferdegruppen haben ausgerechnet die ranghohen Pferde nur selten die Gruppe in Bewegung gesetzt, wenn es um neue, unheimliche Dinge ging (Hartmann et al. 2019). Rang und Führung sind zwei verschiedene Dinge.
Am Paddocktor ging es weder um Futter noch um Wasser noch um den besten Platz. Es ging um einen Stromschlag.
Warum das Pferd dich nicht testet
„Testen“ setzt einen Plan voraus: ausprobieren, wie weit man gehen kann. Schreckreaktionen funktionieren genau andersherum. Erst kommt der Körper, dann – wenn überhaupt – der Kopf. Bei uns ist das nicht anders: Wer sich am Herd verbrennt, zieht die Hand weg, bevor er „Aua“ denkt.
Die Angst danach – auf beiden Seiten
Nach so einem Unfall hat nicht nur das Pferd Angst. Die Besitzerin auch. Und vielleicht – das ist meine Einschätzung, keine Studie – fühlt sich „Der ist dominant“ besser an als „Ich hatte Angst“. Dominanz klingt nach etwas, das man in den Griff bekommen kann. Angst fühlt sich hilflos an. Das ist zutiefst menschlich.
Das Problem: Pferde merken, wenn wir angespannt sind. In einer schwedischen Studie wurde Menschen angekündigt, beim Führen oder Reiten würde gleich ein Regenschirm aufgespannt. Der Schirm ging nie auf – trotzdem stieg der Puls der Menschen und der Pferde (Keeling et al. 2009). Pferde reagieren sogar auf Fotos fremder Menschen: Bei wütenden Gesichtern stieg ihr Puls schneller, und sie zeigten mehr Stressverhalten (Smith et al. 2016).
Eine angespannte Besitzerin am Strick und ein Pferd, das auf Alarm schaltet, machen die nächste Schrecksekunde wahrscheinlicher. Nicht, weil jemand dominant ist, sondern weil zwei Nervensysteme sich gegenseitig hochschaukeln.
Unser Weg: unter der Stressschwelle bleiben
In der Praxis haben wir einen Weg gefunden, der für beide funktioniert: Wir bleiben unter der Stressschwelle – in diesem Fall vor allem unter der der Besitzerin. Kein Durchsetzen, kein Rangordnung-Klären. Wir bauen Vertrauen auf, putzen und pusseln in der Gruppe und tasten uns langsam vor.
Beides ist gut belegt. Kraulen an der Stelle, an der sich Pferde gegenseitig bevorzugt pflegen – am unteren Hals Richtung Widerrist –, senkt den Puls (Feh & de Mazières 1993). Und junge, unerfahrene Pferde reagierten in einer unheimlichen Situation deutlich weniger ängstlich, wenn ein ruhiges, an die Situation gewöhntes Pferd dabei war (Christensen et al. 2008). Die Gruppe ist kein Störfaktor, sondern ein Sicherheitsnetz.
Drei Gedanken für deinen Stallalltag
- Erst fragen: Was hat das Pferd gerade erlebt? Bevor du ein Etikett vergibst, schau, was unmittelbar davor passiert ist.
- Deine Angst ist kein Versagen. Nach einem Unfall angespannt zu sein, ist normal. Nimm es ernst, statt es zu überspielen.
- Klein anfangen, wo sich beide sicher fühlen. Vertrauen wächst nicht durch Durchsetzen, sondern durch viele kleine, gute Momente.
Fazit
Dein Pferd testet dich nicht. Und es ist auch nicht dominant. Manchmal hat es einfach Angst – und manchmal wir auch. Und das ist ein ziemlich guter Ausgangspunkt, um gemeinsam weiterzumachen.
Quellen
- Christensen JW, Malmkvist J, Nielsen BL, Keeling LJ (2008). Effects of a calm companion on fear reactions in naive test horses. Equine Veterinary Journal 40(1), 46–50. https://doi.org/10.2746/042516408X245171
- Feh C, de Mazières J (1993). Grooming at a preferred site reduces heart rate in horses. Animal Behaviour 46, 1191–1194.
- Hartmann E, Christensen JW, McGreevy PD (2017). Dominance and leadership: Useful concepts in human–horse interactions? Journal of Equine Veterinary Science. https://doi.org/10.1016/j.jevs.2017.01.015
- Hartmann E, Christensen JW, McGreevy PD (2019). Does leadership relate to social order in groups of horses and can it be transferred to human–horse interactions? Journal of Veterinary Behavior 29, 153 (ISES-Abstract).
- Keeling LJ, Jonare L, Lanneborn L (2009). Investigating horse–human interactions: The effect of a nervous human. The Veterinary Journal 181(1), 70–71. https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2009.03.013
- Smith AV, Proops L, Grounds K, Wathan J, McComb K (2016). Functionally relevant responses to human facial expressions of emotion in the domestic horse (Equus caballus). Biology Letters 12, 20150907. https://doi.org/10.1098/rsbl.2015.0907