Wann braucht mein Pferd ein Blutbild?
Blutbild beim Pferd: Was Mineralstoffe und Spurenelemente wirklich aussagen
Von Kathrin Aretz
Kann ein Blutbild zeigen, ob ein Pferd bedarfsgerecht mit Mineralstoffen und Spurenelementen versorgt ist? Meistens lässt sich diese Frage anhand eines einzelnen Serum- oder Plasmawerts nicht zuverlässig beantworten. Ein niedriger Zinkwert bedeutet z. B. nicht automatisch, dass das Pferd einen Zinkmangel hat und mehr Zink benötigt. Umgekehrt kann die Mineralstoffzufuhr in der Ration bereits seit längerer Zeit unzureichend sein, obwohl der Blutwert noch im Referenzbereich liegt.
Der Grund liegt darin, dass der Körper die Konzentration vieler Mengen- und Spurenelemente in der Flüssigkeit außerhalb der Zellen aktiv konstant hält – und damit auch im Blut, das ein Teil dieser Flüssigkeit ist. Diese sog. homöostatische Regulation ist nötig, weil die Zellen auf eine sehr enge Konzentrationsspanne angewiesen sind: Schon kleine Abweichungen können Nerven, Muskulatur, Herz, Zellmembranen, Enzyme oder den Säure-Basen-Haushalt beeinträchtigen.
Wenn ein Mineralstoffmangel vorliegt, kann der Körper die Blutkonzentration zunächst durch Speicher, veränderte Aufnahme, Rückresorption oder Ausscheidung stabilisieren. Das bedeutet, es kann ein Mangel in der Ration bestehen, obwohl der Blutwert noch unauffällig ist. Außerdem können Entzündungen, Stress, Leber- oder Nierenerkrankungen, Hämolyse und die Wahl des Untersuchungsmaterials die Messwerte beeinflussen.
Wo Mengen- und Spurenelemente gespeichert werden
Blut ist ein Transport- und kein Speichermedium. Blutwerte erfassen nur die Konzentration eines Mineralstoffs in einer bestimmten Blutfraktion. Diese Konzentration entspricht nicht automatisch dem gesamten Körperbestand oder der Größe der Gewebespeicher.
Calcium: Etwa 99 % des Körpercalciums befinden sich im Skelett. Bei einer über einen längeren Zeitraum unzureichenden Calciumversorgung kann der Körper zunächst Calcium aus dem Knochen mobilisieren, während der Blutwert noch im Referenzbereich liegt.
Magnesium: Rund 60 % des Körpermagnesiums sind im Knochen gebunden, etwa 38 % im Weichgewebe (vor allem Muskulatur). Außerhalb der Zellen liegen gerade einmal 1–2 %, und davon wiederum nur ein Bruchteil im Blut.
Zink: Der überwiegende Teil des Zinks befindet sich in Muskulatur und Knochen. Im Blutplasma zirkuliert dagegen deutlich weniger als 1 %.
Kupfer: Die Leber ist ein wichtiger Kupferspeicher. Die Kupferkonzentration im Plasma kann jedoch durch Entzündungen, Leberfunktion, Transportproteine und Wechselwirkungen mit anderen Mineralstoffen beeinflusst werden. Ein einzelner Plasmawert erlaubt deshalb nur eine eingeschränkte Aussage über die Kupferspeicher.
Eisen: Ca. 60–70 % des Eisens befinden sich im Hämoglobin der roten Blutkörperchen. Das Eisen ist in die Funktion des Hämoglobins eingebunden und wird nicht durch den Serum-Eisenwert erfasst. Der Serumwert beschreibt nur den kleinen Anteil, der im Blutplasma transportiert wird
Warum Werte zu niedrig sein können – ohne dass etwas fehlt
Bei systemischen oder ausgeprägteren Entzündungsreaktionen können Zink- und Eisenkonzentrationen im Blut sinken, ohne dass zwingend ein primärer Fütterungsmangel vorliegt. Eisen aufgrund eines niedrigen Blutwerts zu supplementieren, ist deshalb einer der häufigsten Fehlschlüsse überhaupt. Ein primärer Eisenmangel allein aufgrund einer üblichen Ration ist beim erwachsenen Pferd selten.
Warum erhöhte Werte keine Überversorgung belegen Bei den meisten Mengen- und Spurenelementen belegt ein erhöhter Blutwert keine Überversorgung. Er belegt lediglich, dass mehr davon im Blut zirkuliert – nicht, woher es stammt. Es kann ebenso gut aus zerfallenen Zellen (Hämolyse, Muskelschaden), aus mobilisiertem Knochen, aus einer gestörten Ausscheidung über Niere oder Galle oder aus einer entzündungsbedingten Anhebung von Transportproteinen stammen. Konkretes Beispiel: Kupfer kann bei Entzündungsreaktionen im Blut ansteigen.
Was sind Normwerte?
Wie kommen die vom Labor angegebenen Referenzwerte eigentlich zustande? Ein Labor-Referenzintervall beschreibt in erster Linie die Verteilung eines Messwerts in einer definierten Vergleichspopulation. Es ist nicht automatisch identisch mit einem physiologischen Bedarfsbereich oder einer therapeutischen Entscheidungsgrenze.
Ein Referenzintervall beschreibt lediglich, was 95 % einer Vergleichsgruppe haben – nicht, was ein Pferd braucht. Ist diese Gruppe im Mittel knapp oder großzügig versorgt, wird genau dieser Zustand zur Norm erklärt. Ein Wert „unter dem Referenzbereich“ heißt deshalb zunächst nur: Dieses Pferd gehört zu den unteren 2,5 % einer irgendwie zusammengestellten Vergleichsgruppe. Er heißt nicht: Diesem Pferd fehlt etwas.
Zu Selen gibt es hierzu ein konkretes Beispiel: In einer deutschen Studie mit 1.167 Proben von 528 klinisch gesunden Pferden lagen 48 % der Pferde unterhalb des damals gültigen Referenzbereichs. Die Konsequenz war die Korrektur des Referenzbereichs von 100–200 µg/l auf 70–170 µg/l Serum-Selen – nicht die Diagnose einer landesweiten Selenunterversorgung. Der alte Referenzwert war also zu hoch angesetzt – vermutlich aus einer anderen Population, Region oder Methode übernommen.
Selen – das besondere Spurenelement
Weil der Körper Selen im Blut nicht streng reguliert, nimmt dieses Spurenelement eine Sonderstellung ein. Hier können Serum- oder Vollblutmessungen, gegebenenfalls ergänzt durch die Aktivität des Enzyms Glutathion-Peroxidase (GSH-Px), hilfreich sein. Die Aussagekraft hängt jedoch von Probenmaterial, Messmethode, Zeitpunkt der Untersuchung und vorausgegangener Supplementierung ab.
Dennoch sollte Selen nicht nur aufgrund des Blutwertes supplementiert werden. Zum einen kann der Serumspiegel falsch niedrige Selen-Werte zeigen, weil Serum-Selen vor allem die aktuelle Zufuhr der letzten Tage abbildet. Vollblut-Selen und die GSH-Px-Aktivität spiegeln dagegen den Status der zurückliegenden Wochen bis Monate wider, weil sie an die Lebensdauer der roten Blutkörperchen gekoppelt sind.
Zum anderen hat Selen einen engen Sicherheitsbereich, sodass die Folgen einer Überversorgung schwerwiegend sein können. Deshalb sollte die Selenzufuhr aus Raufutter, Kraftfutter und Mineralfutter berechnet und nicht allein anhand eines Blutwerts beurteilt werden.
Was bei der Beurteilung wirklich weiterhilft
- Raufutter analysieren lassen Die Mineralstoffgehalte von Heu und Heulage können je nach Standort, Boden, Düngung, Pflanzenbestand, Schnittzeitpunkt, Witterung und Lagerung deutlich schwanken. Eine Heuanalyse oder Durchschnittswerte der Region liefern deshalb die beste Datengrundlage für die Rationsberechnung.
- Die gesamte Ration berechnen Entscheidend ist nicht der Blutwert eines einzelnen Mineralstoffs, sondern die Gesamtzufuhr über die tägliche Ration im Verhältnis zum Bedarf des Pferdes. In die Berechnung gehören daher alle Futterkomponenten sowie – soweit möglich – deren tatsächliche Analysewerte.
- Das gesamte Pferd beurteilen Fell, Hufhorn, Muskulatur, Körperzustand, Leistungsbereitschaft und Wundheilung können zusätzliche Hinweise auf die allgemeine Versorgung und Gesundheit geben. Sie sind jedoch keine spezifischen Beweise für einen bestimmten Mineralstoffmangel.
- Den richtigen Zeitraum abwarten Viele körperliche Veränderungen lassen sich nicht innerhalb weniger Wochen beurteilen. Das gilt besonders für das Hufhorn: Bis sich eine vollständige Hufkapsel vom Kronrand bis zum Tragrand erneuert hat, können etwa 9-12 Monate vergehen.
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