Folge #125

Kati Westendorf, warum fällt es uns so schwer, für unser Tier einzustehen?

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podigee. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Shownotes

Warum du im entscheidenden Moment oft nicht widersprichst – und was das mit Stress, Machtgefälle und deinem Tier zu tun hat

Irgendwie merkst du, dass etwas nicht stimmt – und trotzdem greifst du nicht ein. Oder erst viel zu spät. Genau darum geht es in diesem Beitrag: warum selbst kompetente, erwachsene Menschen in Situationen mit Tierarzt, Trainer:in oder anderer Fachperson plötzlich nicht mehr klar handeln, obwohl das Bauchgefühl längst Nein sagt.Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du damit nicht allein. In der neuen Podcast-Folge bei Equidemia Insights sprechen Celina Skogan, Anja und Kathi von Equinality darüber, warum das so häufig passiert – und was du tun kannst, damit du in solchen Momenten besser für dich und dein Tier einstehen kannst.

Warum dein Bauchgefühl oft schon Nein sagt, dein Mund aber still bleibt

Dass du in einer solchen Situation nicht sofort reagierst, heißt nicht, dass du zu schwach oder zu sensibel bist. Oft bedeutet es einfach, dass dein Nervensystem unter Stress anders arbeitet. Unter starkem Stress haben wir weniger Zugriff auf Funktionen, die wir sonst selbstverständlich nutzen – zum Beispiel Handlungsfähigkeit, Emotionsregulation und Entscheidungsfähigkeit. Wahrnehmen funktioniert häufig noch. Du spürst also sehr wohl: Hier stimmt etwas nicht. Aber der Übergang von diesem Gefühl zur Handlung ist blockiert oder massiv erschwert. Genau das ist in der Folge auch bei Celina und Anja passiert. Beide waren es gewohnt, in einer Fachrolle klar und souverän zu handeln. Doch in dem Moment, in dem es um das eigene Tier ging, war plötzlich alles anders. Wenn es um dein eigenes Tier geht, ist emotional viel mehr auf dem Spiel als in einer reinen Profirolle. Dann entstehen Gedanken wie:

  • „Bin ich gerade schwierig?“
  • „Übertreibe ich vielleicht?“
  • „Muss das nicht so sein?“
  • „Vielleicht bin ich einfach zu weich.“

Solche Gedanken können den inneren Druck weiter erhöhen und die Handlungsfähigkeit zusätzlich einschränken.

Das Machtgefälle im Raum ist real

Viele Fachpersonen möchten bewusst auf Augenhöhe arbeiten. Trotzdem verschwindet ein Machtgefälle nicht automatisch, nur weil man es nicht möchte. Wir lernen früh, Autoritäten zu vertrauen, höflich zu sein, nicht zu widersprechen und Konflikte zu vermeiden. Im Tierkontext kommt oft noch die Angst hinzu, das eigene Tier nicht gut genug zu versorgen oder etwas falsch zu machen. So entsteht ein innerer Konflikt:

  • Dein Bauchgefühl sagt: Stopp.
  • Dein Kopf sagt: Die Fachperson weiß bestimmt besser, was richtig ist.
  • Gleichzeitig möchtest du nicht als unkooperativ oder schwierig gelten.

Problematisch wird es, wenn du dich dadurch nicht mehr traust, auf deine Wahrnehmung zu hören. Dann entscheidest du möglicherweise gegen dein Gefühl – und damit manchmal auch gegen dein Tier.

Warum Höflichkeit manchmal gegen dein Tier arbeitet

Höflichkeit ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Sie wird aber zum Problem, wenn sie wichtiger wird als das Wohlergehen deines Tieres. Wenn du Angst hast, als schwierig wahrgenommen zu werden, passt du dich vielleicht lieber an. Du sagst nichts, obwohl du innerlich längst ein ungutes Gefühl hast. Kathi bringt dafür den Begriff der “psychologischen Sicherheit” ein. Nur wenn du dich sicher fühlst, kannst du offen widersprechen. Es reicht deshalb nicht, wenn jemand einmal sagt: „Du darfst jederzeit Nein sagen.“ Der gesamte Rahmen muss sich tatsächlich sicher anfühlen.

Warum du dich danach oft noch schlimmer fühlst

Das Schwierige an solchen Erlebnissen ist oft nicht nur der Moment selbst, sondern auch die Zeit danach.Viele Menschen fragen sich:

  • Warum habe ich nichts gesagt?
  • Warum war ich nicht klarer?
  • Warum habe ich das zugelassen?

Kathi erklärt das mit kognitiver Dissonanz: Dein Kopf mag es nicht, wenn dein Selbstbild und dein Verhalten nicht zusammenpassen. Wenn du dich als jemand verstehst, der für sein Tier einsteht, aber im entscheidenden Moment nicht reagierst, entsteht innerer Druck. Dieser Druck führt oft zu Selbstabwertung:

  • „Ich war zu weich.“
  • „Ich habe versagt.“
  • „Ich hätte besser sein müssen.“

Hilfreicher ist die Frage: Was hat alles zusammengewirkt?

Dazu können die Stressreaktion des Nervensystems, ein Autoritätsgefälle, Konfliktvermeidung, bisherige Lernerfahrungen, die emotionale Bindung zum Tier und gesellschaftliche Prägungen gehören. Das ist keine Ausrede. Es ist eine realistische Einordnung – und kann sehr entlastend sein.

Was Professionals tun können

Ein besonders wichtiger Teil der Folge ist die Frage, wie Fachpersonen ein Umfeld schaffen können, in dem Menschen sich wirklich trauen zu widersprechen.Dazu gehören:

  • Pausen aktiv anbieten
  • Nach Vorerfahrungen und Zielen fragen
  • Nonverbale Signale beachten
  • Unsicherheit normalisieren
  • Widerspruch ausdrücklich willkommen heißen
  • Entscheidungen widerrufbar machen
  • Nachfragen, statt vorschnell zu interpretieren

Es reicht nicht, Menschen nur Informationen zu geben. Entscheidungen müssen auch freiwillig und widerrufbar sein. Halter:innen müssen nicht nur wissen, dass sie Nein sagen dürfen – sie müssen es auch fühlen können. Gerade bei neurodivergenten oder traumatisierten Menschen ist das wichtig. Ein freundliches Lächeln kann Verunsicherung überdecken. Wenig Mimik kann einfach Neurodivergenz sein. Nervosität kann anders aussehen, als viele erwarten. Die wichtigste Haltung lautet deshalb: Nicht wissen, sondern fragen.

Was du als Tierhalter:in mitnehmen kannst

1. Nimm dein Bauchgefühl ernst

Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist das zunächst ein Signal – keine Überempfindlichkeit. Du musst es nicht sofort vollständig erklären können, um es ernst zu nehmen.

2. Bereite dich auf schwierige Situationen vor

Ein einfacher Plan kann viel Sicherheit geben. Überlege dir vorher, was du sagen oder tun möchtest, wenn dein Tier oder du selbst überfordert seid.

3. Erlaube dir, Fragen zu stellen

Du musst nicht sofort konfrontativ widersprechen. Oft helfen einfache Sätze:

  • „Können Sie mir das noch einmal erklären?“
  • „Ich möchte das gerade kurz stoppen.“
  • „Das fühlt sich für mich nicht gut an.“
  • „Gibt es eine andere Möglichkeit?“

4. Bewerte dich nicht über einen einzelnen Moment

Dass du in einer stressigen Situation nicht perfekt reagiert hast, sagt nicht alles über dich aus. Es sagt etwas über den Moment, die Belastung und das Umfeld aus – nicht über deinen Wert als Tierhalter:in.

5. Schau auf die Beziehung als Ganzes

Ein einzelner stressiger Moment bestimmt nicht automatisch eure Bindung. Entscheidend ist, was danach passiert: Kannst du daraus lernen? Wird es beim nächsten Mal anders? Kann die Erfahrung gut verarbeitet werden?

Fazit: Nicht der perfekte Moment zählt, sondern dein nächster Schritt

Wenn du in einem entscheidenden Moment nicht widersprochen hast, bist du nicht allein und nicht automatisch schuld. Oft wirken Stress, Machtgefälle, soziale Prägung und Selbstzweifel gleichzeitig. Genau deshalb ist es so schwer, in diesem Moment klar zu bleiben. Für dich als Tierhalter:in heißt das: Nimm deine Wahrnehmung ernst, auch wenn du sie nicht sofort perfekt ausdrücken kannst. Für dich als Professional heißt es: Schaffe Räume, in denen Menschen sich sicher genug fühlen, um Stopp zu sagen, Fragen zu stellen oder eine Entscheidung zu verändern. Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Es geht darum, Situationen so zu gestalten, dass du und dein Tier möglichst gut darin bleiben können – und dass aus schwierigen Momenten etwas Lernbares wird.

Häufig gestellte Fragen

Warum sage ich in stressigen Situationen oft nichts?

Weil dein Nervensystem unter starkem Stress anders arbeitet. Handlungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit können eingeschränkt sein, obwohl du innerlich schon merkst, dass etwas nicht stimmt.

Ist es normal, sich danach stunden- oder tagelang zu ärgern?

Ja. Viele Menschen erleben nach solchen Situationen starke Selbstkritik. Das kann mit kognitiver Dissonanz zusammenhängen – also mit dem Konflikt zwischen deinem Selbstbild und deinem Verhalten.

Kann ein einzelner unangenehmer Vorfall die Beziehung zum Tier beschädigen?

Nicht zwangsläufig. Entscheidend sind die Gesamtbeziehung und der Umgang mit der Situation danach. Viele Mensch-Tier-Beziehungen bleiben stabil oder werden durch gute Aufarbeitung sogar stärker.

Was können Fachpersonen tun, damit Menschen sich sicherer fühlen?

Sie können Pausen einbauen, aktiv nachfragen, nonverbale Signale beachten, Entscheidungen widerrufbar machen und Widerspruch ausdrücklich willkommen heißen.

*Dieser Artikel kann Werbung und Affiliate-Links enthalten, durch die ich eine Provision erhalte, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen.

Podcast-Episode teilen

Folge uns auf Social Media

Weitere Folgen

Du & Dein Pferd

Equidemia Campus

Deine Plattform für Training mit Evidenz und Empathie, mit Herz und Verstand: Für Reiter:innen und Pferdebesitzer:innen, die ihre Pferd wirklich verstehen wollen: Im Campus lernst du, Zusammenhänge zu erkennen, Ursachen statt nur Symptome zu managen. So triffst du fundierte Entscheidungen für dein Pferd. Mit monatlichen Fachinhalten, einer wachsenden Mediathek, strukturierten Onlinekursen, Community, Q&A-Calls und optional zusätzlich buchbarer 1:1-Begleitung entwickelst du dein Pferd langfristig gesund weiter.

Buche dir hier den Termin für einen unverbindlichen Kompass-Call

Du bist unsicher, welcher Weg für dich oder dein Pferd gerade der richtige ist? Im unverbindlichen Kompass-Call schauen wir gemeinsam, wo du stehst und welcher nächste Schritt für dich sinnvoll ist.