Folge #122

Sind Ganganomalien beim Pferd immer vom Reiter ausgelöst?

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Shownotes

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Sind Ganganomalien beim Pferd immer vom Reiter ausgelöst?

„Kannst du nicht einfach mal sehr deutlich sagen, dass Ganganomalien immer vom Reiter ausgelöst werden?“

Diese Frage hat mich letzte Woche erreicht, von einer Hörerin, die sich zu Recht eine klare Haltung zu pferdegerechtem Reiten wünscht. Ich verstehe diesen Wunsch total, gerade wenn man sich anschaut, was in Teilen des Turniersports gerade sichtbar wird.

Und trotzdem: Nein. Ganganomalien sind nicht immer ein Reiterproblem.

Wenn ich ein Pferd beurteile, schaue ich in einer ganz bestimmten Reihenfolge hin – und der Reiter steht darin nicht an erster Stelle.

Physik ist messbar, Ethik ist diskutabel

Zuerst die Klarstellung, die mir wichtig ist: Missbräuchliches oder fachlich falsches Reiten kann echten Schaden anrichten. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Aber Ethik ist diskutabel – abhängig von Kultur, Biografie und Umfeld. Physik dagegen ist messbar. Wenn eine Schmerzgrenze überschritten wird, wenn die Mechanik gestört ist, dann ist das nicht mehr pferdegerecht, unabhängig von Reitweise oder Disziplin.

Genau bei dieser harten Physik fange ich an, nicht beim Bauchgefühl.

Schritt eins: die Mechanik, nicht der Reiter

Ich schaue mir nicht zuerst den einzelnen Muskel oder das einzelne Gelenk an, sondern die Mechanik als Ganzes – und ich fange bewusst nicht bei den Beinen an, sondern bei der Wirbelsäule.

Dahinter steckt die sogenannte Spinal Engine Theory: die Idee, dass Fortbewegung ursprünglich nicht von den Beinen ausging, sondern von der Bewegung der Wirbelsäule selbst, und dass Gliedmaßen eine evolutionäre Anpassung an veränderte Lebensräume sind, kein Ersatz für den Grundmotor (Standen, Du & Larsson, 2014, Nature).

Diese Forschung stammt ursprünglich aus der Evolutionsbiologie – ein besonders eindrückliches Beispiel sind Experimente mit Fischen, die auf Land aufwuchsen und ihre Flossen zunehmend wie Gliedmaßen einsetzten. Die Theorie wurde nicht speziell am Pferd erforscht, aber das Grundprinzip lässt sich am Pferderücken direkt beobachten: Kraft überträgt sich messbar von der Wirbelsäule zum Becken, noch bevor die Hinterhand überhaupt reagiert.

Von dort aus gehe ich systematisch durch alle Bewegungseinheiten – Hals, Rumpf, Becken, jede einzelne Gliedmaße – und schaue, wo sich die Bewegungskette sauber überträgt und wo sie abreißt.

Schritt zwei: Reiter runter

Wenn ich die reine Mechanik des Pferdes sehen will, muss der Reiter runter – Equipment auch.

Nicht als Vorwurf, sondern als Methode: Sonst beurteile ich reiterliche Fähigkeiten, nicht das Pferd.

Erst wenn ich das Pferd frei oder an der Hand gesehen habe, kann ich später sauber unterscheiden, was vom Pferd selbst kommt und was vom System Pferd-Reiter-Sattel.

Sattelpassform und Reiterbalance sind wichtig – aber das ist Reitunterricht, nicht Ganganalyse. Beides ergänzt sich, ersetzt sich aber nicht.

Schritt drei: Gewicht, Muskelstatus, kompensatorische Muster

Als Nächstes schaue ich auf Gewicht, Muskelstatus und -entwicklung, auf kompensatorische Muster, die sich oft zuerst in den Faszien zeigen – verklebte Faszienzüge, einseitig überentwickelte Muskelgruppen, ein Rücken, der sich auf einer Seite nicht mitbewegt.

Diese Spuren erscheinen oft, bevor überhaupt ein Taktfehler sichtbar wird.

Schritt vier: das Recoil-System

Dann kommt ein Punkt, den viele überspringen: Gibt es überhaupt Recoil – also elastischen Rückstoß –, oder muss die Muskulatur die Arbeit übernehmen, die eigentlich Sehnen und Bänder leisten sollten?

Gesunde Pferde speichern vor allem in der oberflächlichen Beugesehne, im Fesselträgerband und im Nackenband elastische Energie und geben sie beim nächsten Schritt wieder ab (Biewener, 1998) (Wilson et al., 2001, Nature) – ein Sprungfeder-Mechanismus, der den Energieverbrauch der Bewegung erheblich senkt.

Auch im Stand übernehmen Sehnen und Bänder passiv einen großen Teil der Stützarbeit (Gussekloo et al., 2011)(Schuurman et al., 2003).

Funktioniert dieses System nicht – durch Vorschäden, schlechte Konformation, fehlende Fitness, aber auch durch Schlafmangel oder mangelhafte Proteinversorgung –, muss die Muskulatur einspringen.

Das kostet enorm viel Energie, ermüdet schneller und ist eines der frühesten Warnzeichen, das ich bei Pferden sehe, die noch nicht lahm, aber schon deutlich ganganomal sind. Ein Phänomen, das mir in den letzten ein, zwei Jahren alarmierend häufig begegnet.

Schritt fünf: der Bauplan – der größte Einflussfaktor

Und hier kommt der Kern der ganzen Sache.

Natürlich hat der Reiter Einfluss, keine Frage. Aber der Bauplan des Pferdes hat noch viel mehr Einfluss.

Was mich zunehmend erschreckt: Bilder von Züchtern und Verkäufern, die stolz ihre Jungpferde präsentieren – Fohlen mit einer von Natur aus viel zu hohen Aufrichtung.

Bei solchen Bildern komme ich in meiner Beurteilung oft nicht bis Schritt drei, ohne innerlich zusammenzuzucken.

Muskulatur, die sich mechanisch gar nicht richtig aufbauen kann, weil der Hals so konstruiert ist, dass der Rücken die Bewegung nicht mittragen kann.

Diese Pferde tragen noch nie einen Sattel – trotzdem ist die Statik schon jetzt erkennbar nicht mit Bewegung konform.

Und das betrifft längst nicht nur eine einzelne Zuchtrichtung.

Die Reihenfolge, in der ich hinschaue, ist deshalb kein Zufall: Erst muss die Natur des Pferdes stimmen.

Ein Pferd mit einer soliden Grundmechanik verzeiht auch mal einen unsauberen Sitz oder einen schlechten Tag im Sattel. Ein Pferd mit einem defekten Bauplan verzeiht selbst gutes Training nur begrenzt.

Schritt sechs: erst jetzt das Training

Ganz am Ende steht die Frage, die wir schon in unserer letzten Folge zum Belastungsfenster ausführlich besprochen haben: Bewegen wir uns innerhalb der Toleranzgrenze, oder wird darüber hinaus trainiert?

Genau hier kommt der Reiter tatsächlich wieder ins Spiel – als letzter Punkt, nicht als erster.

Warum diese Reihenfolge auch eine ethische Frage ist

Was mich an dieser Reihenfolge am meisten beschäftigt, hat nichts mit der einzelnen Reiterin zu tun, die uns geschrieben hat.

Es sind die systemischen Probleme in Zucht und Verkauf – die stolzen Fotos junger Pferde, bei denen schon in den ersten Beurteilungsschritten klar wird, dass etwas nicht stimmt.

Wenn wir als Branche wirklich ethischer werden wollen, muss dieser Blick früher ansetzen als beim Reiter im Sattel.

Das entlastet niemanden von Verantwortung – schlechtes Reiten bleibt schlechtes Reiten.

Aber es verschiebt den Fokus dahin, wo oft die größeren Entscheidungen getroffen werden: bei dem, was einem Pferd von Anfang an mitgegeben wird.

Wenn dich diese Art zu denken interessiert – Bauplan, funktionale Ganganalyse und Training sauber auseinanderzuhalten und wieder zusammenzusetzen –, ist das genau das, was wir in der Masterclass unterrichten.

Quellen:

  1. Spinal Engine Theory (Grundlagenforschung, ursprünglich Wirbeltier-/Humanbiomechanik, nicht pferdespezifisch): Gracovetsky, S., Iacono, C. (1987). Energy transfers in the spinal engine. Journal of Biomedical Engineering. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3573762/
  2. Fisch-Experiment zur Evolution von Gliedmaßen aus Flossen (Beleg für die Übertragbarkeit des Grundprinzips): Standen, E. M., Du, T. Y., Larsson, H. C. E. (2014). Developmental plasticity and the origin of tetrapods. Nature, 513, 54–58. https://www.nature.com/articles/nature13708https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25162530/
  3. Elastische Energiespeicherung in Sehnen (Recoil-System): Biewener, A. A. (1998). Muscle-tendon stresses and elastic energy storage during locomotion in the horse. Comparative Biochemistry and Physiology B, 120(1), 73“87. ’ https://www.researchgate.net/publication/13498157_Muscle-tendon_stresses_and_elastic_energy_storage_during_locomotion_in_the_horse
  4. Recoil / Sprungfeder-Mechanismus im Bewegungsapparat: Wilson, A. M., McGuigan, M. P., Su, A., van Den Bogert, A. J. (2001). Horses damp the spring in their step. Nature, 414, 895“899. ’ https://www.nature.com/articles/414895a
  5. Passiver Stay-Apparat (Stützmechanismus im Stand): Gussekloo, S. W. S., Lankester, J., Kersten, W., Back, W. (2011). Effect of differences in tendon properties on functionality of the passive stay apparatus in horses.American Journal of Veterinary Research, 72(4), 474“483. https://avmajournals.avma.org/view/journals/ajvr/72/4/ajvr.72.4.474.xml
  6. Aktive Stabilisierung der Hinterhand im Stand: Schuurman, S. O., Kersten, W., Weijs, W. A. (2003). The equine hind limb is actively stabilized during standing. Journal of Anatomy, 202, 355–362.https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1046/j.1469-7580.2003.00166.x
  7. Fesselträgerband, Recoil-Funktion (aktueller Übersichtsartikel): Guest et al. (2025). A review of the equine suspensory ligament: Injury prone yet understudied. Equine Veterinary Journal.https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/evj.14447
  8. Reiter- und Sattelpassform-Einfluss auf das Gangbild (erwähnt im Kontext „Reiter runter“): Dyson, S. et al. (2022). Gait abnormalities and ridden horse behaviour in a convenience sample of the UK ridden sports horse and leisure horse population. Equine Veterinary Education. https://doi.org/10.1111/eve.13395

Hinweis zur Evidenzlage: Punkt 1 (Spinal Engine Theory) ist ursprünglic keine pferdespezifische Forschung, sondern allgemeine Wirbeltier-/Humanbiomechanik, im Podcast entsprechend eingeordnet. Punkt 2 (Polypterus-Fischstudie) dient als evolutionsbiologischer Beleg für die Übertragbarkeit des Grundprinzips, nicht als direkte Pferdestudie.

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