Shownotes
Ein Pferd legt beim Putzen die Ohren an, weicht zurück und wird als „zickig“ abgestempelt. Ein Wallach verweigert ein Hindernis und gilt als „stur“. Sätze wie diese hören wir im Stallalltag ständig – und sie haben eine überraschend lange Geschichte. Sie reichen zurück bis zu einem französischen Philosophen des 17. Jahrhunderts und einem Gartenpark bei Paris.
Woher die Idee vom „Tier als Maschine“ stammt Der Philosoph René Descartes verbrachte als junger Mann Zeit in den königlichen Gärten von Saint-Germain-en-Laye nahe Paris. Diese Gärten waren für ihre Zeit eine technische Sensation: wasserbetriebene Automaten, die sich beim Betreten bestimmter Bodenfliesen scheinbar von selbst bewegten – eine badende Statue tauchte ab, eine andere Figur trat hervor, gesteuert allein über verborgene Rohre und Wasserdruck.
Descartes war von dieser Mechanik so beeindruckt, dass er daraus eine weitreichende These entwickelte: Wenn eine leblose Statue durch reine Mechanik so überzeugend „lebendig“ wirken kann, warum sollte ein Körper aus Fleisch und Nerven nicht nach demselben Prinzip funktionieren?
Diese Beobachtung ist historisch gut dokumentiert – unter anderem in einer Analyse der Wissenschaftshistorikerin Jessica Riskin zur langen Vorgeschichte mechanistischer Lebenserklärungen sowie in einer eingehenden fachhistorischen Untersuchung im Journal Modern Intellectual History.
Ein radikalerer Bruch, als man denkt Interessant dabei: Descartes’ Idee war keine Fortführung der bisherigen Wissenschaft, sondern ein bewusster Bruch mit ihr. Die zuvor an europäischen Universitäten geltende, auf Aristoteles zurückgehende Naturphilosophie sprach Tieren durchaus eine Form von Seele zu – die anima sensitiva, die empfindende Seele. Tiere konnten in diesem älteren Weltbild wahrnehmen, begehren und sich zielgerichtet bewegen; nur die vernünftige, sprachfähige Seele blieb dem Menschen vorbehalten.
Descartes ging deutlich weiter: Er strich Tieren die gesamte beseelte Innenwelt und erklärte sie vollständig zu Automaten – während er den Menschen strikt in einen mechanischen Körper und einen davon getrennten, denkenden Geist aufspaltete.
Die wissenschaftliche Korrektur: 2012 und 2024 Diese Sichtweise prägte die westliche Wissenschaft über Jahrhunderte. Erst 2012 wurde sie mit der Cambridge Declaration on Consciousness offiziell revidiert.
Ein internationales Gremium aus Kognitionsforscher, Neurophysiolog und Neuropharmakolog erklärte, dass konvergente wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass nichtmenschliche Tiere über dieselben neuroanatomischen, neurochemischen und neurophysiologischen Grundlagen bewusster Zustände verfügen wie Menschen – und der Mensch in dieser Hinsicht keine biologische Sonderstellung besitzt.
2024 wurde mit der New York Declaration on Animal Consciousness weiter konkretisiert: Bei einer sehr breiten Palette von Tiergruppen – auch bei solchen, die lange kaum berücksichtigt wurden – gilt bewusstes Erleben inzwischen als realistische und ernstzunehmende Möglichkeit.
Was das für Pferde konkret bedeutet Für Pferde liegt inzwischen konkrete verhaltensbiologische Evidenz vor: Pferde reagieren nachweislich unterschiedlich auf menschliche Gesichtsausdrücke von Freude und Ärger – messbar unter anderem an Herzfrequenz und Blickverhalten. Pferde können visuelle und stimmliche Signale menschlicher Emotionen über verschiedene Sinneskanäle hinweg derselben Kategorie zuordnen.
Mit dem Equine Facial Action Coding System (EquiFACS) existiert ein wissenschaftlich validiertes System, um die Gesichtsausdrücke von Pferden differenziert zu erfassen.
Was das für dein Training heißt Der kartesische Fehler ist kein Relikt von 1650. Er lebt in Trainingsphilosophien weiter, die Verhalten ausschließlich als Reiz-Reaktions-Mechanik lesen – Ungehorsam, Sturheit, Dominanz – ohne zu fragen, ob dahinter Schmerz, Angst oder Überforderung steckt.
Der entscheidende Perspektivwechsel: Ein Pferd, das „nicht funktioniert“, hat in der Regel keinen Defekt. Meistens hat es schlicht nicht verstanden, was von ihm verlangt wird, oder es ist gerade jenseits seiner aktuellen Belastungsgrenze – körperlich wie mental.
Es handelt für sich selbst, nicht gegen dich. Es teilt uns etwas mit, das wir noch nicht richtig gedeutet haben. Ein wissenschaftlich anerkanntes Werkzeug, um genau das systematisch statt beliebig zu tun, ist das Fünf-Domänen-Modell (Five Domains Model). Es ordnet Wohlbefinden entlang der Bereiche Ernährung, Umgebung, Gesundheit, Verhalten und – in der aktuellen Fassung von 2020 explizit ergänzt – der Interaktion mit Menschen, um daraus den mentalen Zustand eines Tieres abzuleiten.
Es ist eines der am breitesten anerkannten Rahmenwerke der Tierwohl-Wissenschaft und liefert genau die Struktur, um „atypisches Verhalten“ nicht nach Bauchgefühl, sondern nachvollziehbar zu beurteilen. Genau an dieser Lücke – zwischen dem, was ein Pferd fühlt, und dem, was wir von außen beobachten können – setzt auch unsere funktionale Ganganalyse an.
Denn Pferdetraining neu denken heißt für uns: nicht Dominanz und Unterordnung, sondern ein Miteinander mit einem kompetenten, eigenständig fühlenden Partner. Mehr dazu und zur direkten Fortsetzung dieses Themas – der Frage, wie moderne Wissenschaft Schmerz beim Pferd überhaupt definiert – hörst du in Teil 2 dieser Reihe.
Quellenverzeichnis Riskin, J. Frolicsome Engines: The Long Prehistory of Artificial Intelligence. The Public Domain Review. https://publicdomainreview.org/essay/frolicsome-engines-the-long-prehistory-of-artificial-intelligence/
The Mechanical Daughter of René Descartes: The Origin and History of an Intellectual Fable. Modern Intellectual History, Cambridge University Press. https://www.cambridge.org/core/journals/modern-intellectual-history/article/mechanical-daughter-of-rene-descartes-the-origin-and-history-of-an-intellectual-fable/14518C7D691F1B35B7504418B935D8A1
Low, P., Panksepp, J., Reiss, D., Edelman, D., Van Swinderen, B., Koch, C. (2012). The Cambridge Declaration on Consciousness. https://fcmconference.org/img/CambridgeDeclarationOnConsciousness.pdf
Andrews, K., Birch, J., Sebo, J., Sims, T. (2024). New York Declaration on Animal Consciousness.https://nydeclaration.com
Smith, A. V., Proops, L., Grounds, K., Wathan, J., McComb, K. (2016). Functionally relevant responses to human facial expressions of emotion in the domestic horse (Equus caballus). Biology Letters.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4780548/
Trösch, M., et al. (2019). Horses Categorize Human Emotions Cross-Modally Based on Facial Expression and Non-Verbal Vocalizations. Animals (Basel). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6912773/
Wathan, J., Burrows, A. M., Waller, B. M., McComb, K. (2015). EquiFACS: The Equine Facial Action Coding System. PLOS One. Mellor, D. J., Beausoleil, N. J., Littlewood, K. E., McLean, A. N., McGreevy, P. D., Jones, B., Wilkins, C. (2020). The 2020 Five Domains Model: Including Human–Animal Interactions in Assessments of Animal Welfare. Animals, 10(10), 1870. DOI: https://doi.org/10.3390/ani10101870
Hinweis zur Evidenzlage: Die Unterscheidung einzelner emotionaler Kategorien bei Pferden anhand von Gesichtsausdrücken ist methodisch noch nicht in jedem Fall vollständig trennscharf und Gegenstand aktueller Forschung. Die grundsätzliche wissenschaftliche Einordnung von Tierbewusstsein ist davon nicht betroffen.
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