Folge #121

Wie viel Anstrengung darf sein?

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Shownotes

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„Man muss ein Pferd auch mit Baustellen trainieren, wie beim Rehasport.“ „Beim Sport guckt man auch nicht fröhlich.“ „Ich geh auch arbeiten trotz Kopfschmerzen.“ Drei Sätze, die in fast jedem Stall fallen – und die alle einen wahren Kern haben. Das Problem ist nicht, dass sie falsch sind. Das Problem ist, dass sie unvollständig sind, wenn man sie vom Menschen aufs Pferd überträgt.

Der entscheidende Unterschied: Selbstauskunft. Ein Mensch kann seinen Schmerz selbst einordnen – „das ist eine Drei von zehn, das ist okay.“ Ein Pferd kann das nicht. Und weil Pferde als Fluchttiere evolutionär darauf ausgelegt sind, Schwäche zu verbergen, zeigen sie Schmerz seltener, nicht weniger (Gleerup & Lindegaard, 2016Broome et al., 2022, PLOS ONE). Der verbreitete Glaube, Pferde hätten eine besonders hohe Schmerztoleranz, ist ein Mythos – sie sind Wirbeltiere mit vergleichbarer Schmerzphysiologie.

Bewegung nutzt gesundes Gewebe nicht ab. Gelenkknorpel wird über die Gelenkflüssigkeit versorgt, und diese Versorgung funktioniert nur bei Bewegung – Stillstand ist das eigentliche Risiko (Firth, 2006, Journal of Anatomy). Bei jungen Pferden zeigte kontrolliertes frühes Training sogar weniger Knorpelläsionen als bei untrainierten Kontrolltieren (American Journal of Veterinary Research, 2010). Das Problem beginnt erst, wenn Gewebe bereits geschädigt ist: Gelenkknorpel wird kaum durchblutet und heilt praktisch nicht von selbst (Frontiers in Bioengineering and Biotechnology, 2021) – hier verändert sich das Trainingsziel von „aufbauen“ zu „entlasten“.

Auch Ruhigstellung ist keine neutrale Wahl. Eine ruhiggestellte Sehne heilt mit ungeordneten Kollagenfasern, mechanisch schwächer. Früh und dosiert weiterbelastete Sehnen richten ihre Fasern dagegen in Zugrichtung aus – belastbarere Heilung (Eliasson et al., 2018, American Journal of Sports Medicine). Genau das zeigte sich auch in der klassischen Studie zum Pain-Monitoring-Model bei Achillessehnenproblemen: Weitertraining unter kontrolliertem Schmerzmonitoring führte zu keinen schlechteren Ergebnissen als vollständige Schonung (Silbernagel et al., 2007).

Zwei Mechanismen, die leicht verwechselt werden. Bewegung kann Schmerz aktiv dämpfen – Exercise-Induced Hypoalgesia (Rice et al., 2019, The Journal of Pain). Aber bei chronischem Schmerz kann sich dieser Effekt umkehren, in Hyperalgesie. Und es gibt einen zweiten, verwandten Mechanismus: Stress-Induced Analgesia, ausgelöst nicht durch Bewegung, sondern durch akute Anspannung selbst. Während der Belastung sieht ein gestresstes Pferd oft „besser“ aus, als es eigentlich ist – danach, wenn die Stressreaktion abklingt, kommt der Punkt, den man in Ställen als „Crash“ kennt. Deshalb bewerten wir Trainingserfolg nie nur während des Tuns, sondern in der Ruhe danach: am Exterieur, an der Körperhaltung, am Wohlfühlverhalten.

Was das für die Praxis heißt: Es gibt keine pauschale Antwort auf „wie viel Anstrengung darf sein“. Es gibt ein Belastungsfenster, das bei gesunden Pferden breit ist – hier ist Unterforderung oft das größere Problem – und bei Pferden mit Baustellen eng, wo beide Fehler drohen. Diese Grenzen zu finden, ohne die Selbstauskunft, die uns beim Menschen zur Verfügung steht, ist genau die Aufgabe, für die wir bei Equidemia die funktionale Ganganalyse entwickelt haben.

Quellen

  1. Silbernagel KG, Thomeé R, Eriksson BI, Karlsson J. (2007). Continued Sports Activity, Using a Pain-Monitoring Model, during Rehabilitation in Patients with Achilles Tendinopathy. American Journal of Sports Medicine, 35(6), 897–906.
  2. Eliasson P, et al. (2024). Deprivation of loading during rat Achilles tendon healing affects extracellular matrix composition and structure, and reduces cell density and alignment. Scientific Reports.
  3. Eliasson P, et al. (2018). Early Tensile Loading in Nonsurgically Treated Achilles Tendon Ruptures Leads to a Larger Tendon Callus and a Lower Elastic Modulus: A Randomized Controlled Trial. American Journal of Sports Medicine.
  4. The role of mechanical loading in tendon development, maintenance, injury, and repair (2013). Übersichtsarbeit, PubMed.
  5. Dye SF. (2005). The pathophysiology of patellofemoral pain: a tissue homeostasis perspective. Clinical Orthopaedics and Related Research, 436, 100–110.
  6. Monitoring distances travelled by horses using GPS tracking collars. Australian Veterinary JournalPubMed
  7. Hildebrandt F, Krieter J, Büttner K, Salau J, Czycholl I. (2020). Distances Walked by Long Established and Newcomer Horses in an Open Stable System in Northern Germany. Journal of Equine Veterinary Science.
  8. Nedergaard et al. (2024). Evidence of the clinical effect of commonly used intra-articular treatments of equine osteoarthritis. Equine Veterinary Education.
  9. Firth EC. (2006). The response of bone, articular cartilage and tendon to exercise in the horse. Journal of Anatomy, 208(4), 513–526.
  10. Effects of early exercise on metacarpophalangeal joints in horses (2010). American Journal of Veterinary Research, 71(4), 405–411.
  11. Strategies for Articular Cartilage Repair and Regeneration (2021). Frontiers in Bioengineering and Biotechnology.
  12. Gleerup KB, Lindegaard C. (2016). Recognition and quantification of pain in horses: A tutorial review. Equine Veterinary Education. / Sharing pain: Using pain domain transfer for video recognition of low grade orthopedic pain in horses (2022). PLOS ONE.
  13. Overview of Congenital and Inherited Anomalies of the Musculoskeletal System in Large Animals. Merck Veterinary Manual.
  14. Angular Limb Deviation in Horses. American College of Veterinary Surgeons.
  15. Gajic P, Kovac I, Lubinsky G, Knezevic NN. (2026). Exercise-Induced Hypoalgesia: Cellular and Molecular Mechanisms Linking Pain Modulation and Stress Regulation. Cells, 15(10), 858. PubMed
  16. Stress-induced analgesia: an evaluation of effects on temporal summation of pain and the role of endogenous opioid mechanisms (2020). PAIN.
  17. Stress-induced analgesia and endogenous opioid peptides: the importance of stress duration (2011). Behavioural Brain Research.
  18. Rice D, Nijs J, Kosek E, et al. (2019). Exercise-induced hypoalgesia in pain-free and chronic pain populations. The Journal of Pain, 20, 1249–1266.
  19. Polaski AM, Phelps AL, Kostek MC, Szucs KA, Kolber BJ. (2019). Exercise-induced hypoalgesia: A meta-analysis of exercise dosing for the treatment of chronic pain. PLOS ONE, 14(1), e0210418.
  20. Dalla Costa E, Minero M, Lebelt D, Stucke D, Canali E, Leach MC. (2014). Development of the Horse Grimace Scale. PLOS ONE.
  21. Dyson S. (2022). The Ridden Horse Pain Ethogram. Equine Veterinary Education.
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